Die distale Radiusfraktur ist ein Bruch der Speiche unmittelbar am Handgelenk. Sie ist der häufigste Knochenbruch überhaupt. Besonders häufig tritt sie nach einem Sturz auf die ausgestreckte Hand auf.
Die Speiche (Radius) bildet gemeinsam mit der Elle und den Handwurzelknochen das Handgelenk. Ihre Gelenkfläche ist für die Beweglichkeit und die gleichmäßige Kraftübertragung zwischen Hand und Unterarm von großer Bedeutung. Deshalb ist bei einem Bruch nicht nur entscheidend, dass der Knochen wieder zusammenheilt, sondern auch, dass Länge, Achse und Gelenkfläche möglichst genau wiederhergestellt werden.
Ursache
Typischerweise entsteht die Verletzung durch einen Sturz, bei dem man versucht, sich mit der Hand abzufangen. Je nach Stellung der Hand und Richtung der einwirkenden Kraft kann sich das körperferne Fragment der Speiche in unterschiedliche Richtungen verschieben. Die häufigste Form ist die sogenannte Colles-Fraktur, bei der das Fragment typischerweise zur Handrückenseite verschoben beziehungsweise gekippt ist. Seltener erfolgt die Verschiebung zur Hohlhandseite, wie beispielsweise bei einer Smith-Fraktur.
Bei jüngeren Menschen sind häufig größere Kräfte notwendig, etwa bei Sport-, Fahrrad- oder Verkehrsunfällen. Bei älteren Menschen kann aufgrund einer verminderten Knochendichte (Osteoporose) bereits ein vergleichsweise harmloser Sturz ausreichen.
Der Bruch kann außerhalb der Gelenkfläche liegen oder bis in das Handgelenk hineinreichen. Bei komplexeren Verletzungen können mehrere Knochenfragmente entstehen. Hier werden verschiedene Formen unterschieden, die in der Regel aber erst nach Anfertigung einer Computertomographie (CT) differenziert beurteilt werden können. Zusätzlich können auch Bänder, Knorpel, Sehnen oder Nerven verletzt sein.
Beschwerden
Unmittelbar nach dem Unfall treten meist deutliche Schmerzen und eine Schwellung am Handgelenk auf. Bewegungen der Hand und des Unterarms sind schmerzhaft und häufig kaum möglich.
Typische Beschwerden sind:
- Schmerzen im Bereich des Handgelenks
- rasch zunehmende Schwellung
- Bluterguss
- eingeschränkte Beweglichkeit
- Schmerzen beim Drehen des Unterarms
- verminderte Kraft
- bei verschobenen Brüchen eine sichtbare Fehlstellung
Kribbeln oder Taubheitsgefühle in Daumen, Zeige- und Mittelfinger können auf eine Beeinträchtigung des Nervus medianus hinweisen. Eine solche Nervenschädigung muss insbesondere bei stark verschobenen Brüchen rasch beurteilt werden.

Diagnostik
Nach der Untersuchung des Handgelenks werden Röntgenaufnahmen in mindestens zwei Ebenen angefertigt. Damit lassen sich Lage und Verlauf des Bruches sowie eine mögliche Fehlstellung beurteilen. Entscheidend sind unter anderem die Stellung der Gelenkfläche, die Länge der Speiche und eine mögliche Verkippung oder Verschiebung der Fragmente.
Bei komplizierten Brüchen, insbesondere wenn die Gelenkfläche betroffen ist, kann zusätzlich eine Computertomographie (CT) sinnvoll sein. Sie zeigt die einzelnen Knochenfragmente wesentlich genauer und kann für die Planung einer Operation wichtig sein.
Von nicht zu unterschätzender Bedeutung bei der operativen, aber auch bei der konservativen Behandlung, ist die Diagnose von Begleitverletzungen, da diese unbehandelt zu Folgeschäden führen können. Hier sind vor allem die Ruptur (Zerreißung) des Bandes zwischen Kahnbein und Mondbein (sog. SL-Band, skapholunäres Band) und die Verletzung des ulnokarpalen (ellenseitigen) Bandkomplexes (TFCC) zu nennen.
Beide Verletzungen müssen intraoperativ ausgeschlossen und ggf. behandelt werden. Häufig entsteht der Verdacht bereits bei der Operationsplanung, so sind Rupturen des SL-Bandes bei bestimmten Bruchformen mit Gelenkbeteiligung häufiger. Auch ein basisnaher Bruch des Griffelfortsatzes der Elle kann ein Hinweis auf eine Instabilität des Ellen-Speichen-Drehgelenkes sein. Gegebenenfalls ist vor der offenen Einrichtung der Radiusfraktur eine Handgelenksspiegelung (Arthroskopie) erforderlich, um diese Begleitverletzung mit Sicherheit auszuschließen. Ob eine Versorgung der Begleitverletzungen sofort nötig ist, ist im Einzelfall zu entscheiden.
Behandlung
Konservative Behandlung
Nicht jede distale Radiusfraktur muss operiert werden. Ein nicht oder nur gering verschobener und stabiler Bruch kann häufig mit einer Schiene beziehungsweise einem Gips behandelt werden.
Ist der Bruch verschoben, kann zunächst versucht werden, die Knochenfragmente wieder in ihre richtige Position zu bringen. Dies bezeichnet man als Reposition. Anschließend wird das Ergebnis im Röntgen kontrolliert und das Handgelenk ruhiggestellt. In den folgenden Tagen und Wochen sind Röntgenkontrollen wichtig. Manche zunächst gut eingestellten Frakturen können sich während der Heilung erneut verschieben. In diesem Fall muss die Behandlung neu beurteilt werden.
Die Ruhigstellung dauert abhängig von Bruchform, Alter und Heilungsverlauf häufig etwa 4 bis 6 Wochen.
Operative Behandlung
Die operative Versorgung einer frischen Radiusfraktur muss nicht immer sofort, sondern kann durchaus auch innerhalb der ersten 14 Tage nach dem Unfall erfolgen.
Sie kommt insbesondere dann infrage, wenn der Bruch deutlich verschoben oder instabil ist, die Gelenkfläche eine relevante Stufe aufweist oder sich die Fraktur nach einer zunächst erfolgreichen Reposition erneut verschiebt. Auch stark verkürzte, mehrfragmentäre oder bestimmte offene Frakturen sowie Verletzungen mit relevanten Begleitschäden können eine Operation erforderlich machen.
Das Ziel besteht darin, die anatomischen Verhältnisse des Handgelenks möglichst genau wiederherzustellen und stabil zu erhalten, bis der Knochen verheilt ist.
Das heute häufigste Operationsverfahren ist die Stabilisierung mit einer sog. winkelstabilen Platte, die vom beugeseitigen Unterarm eingebracht wird. Wir verwenden die modernsten Plattensysteme, die nicht nur sehr schlank sondern auch anatomisch korrekt vorgeformt sind. Dadurch passen sie sich dem Knochen sehr gut an, so dass die umliegenden Strukturen (Sehnen und Nerven) nicht beeinträchtigt werden. Hinzu kommt eine Verblockung der sphärischen Schraubenköpfe in den Plattenlöchern, die zu einer optimalen Stabilität führt. Diese Schauben können multidirektional eingebracht werden, d.h. die Schraubenposition kann in einem Winkel von 15° in allen Richtungen der Fraktursituation optimal angepasst werden.
Nicht jede Radiusfraktur lässt sich auf die gleiche Weise behandeln. Je nach Bruchform können zusätzlich oder alternativ Drähte, Schrauben oder ein äußerer Fixateur eingesetzt werden. Bei komplexen Gelenkfrakturen können mehrere Verfahren miteinander kombiniert werden. Entscheidend ist nicht die verwendete Platte, sondern eine möglichst gute Wiederherstellung der Gelenkfläche, der Radiuslänge und der korrekten Stellung des Handgelenks.
Die Operation wird wahlweise in einem Dämmerschlaf (= Sedierung) in Kombination mit einer Betäubung des Armes (= Armplexusanästhesie) oder in Allgemeinnarkose durchgeführt. Der Eingriff wird tagesklinisch bzw. mit einer Nacht stationären Aufenthalts durch unseren Spezialisten OA Dr. Pessenlehner im Rudolfinerhaus Wien durchgeführt.

Nachbehandlung
Am ersten oder zweiten Tag nach der Operation erfolgt der erste Verbandswechsel, nach ca. 2 Wochen wird die Unterarmschiene gegen eine Handgelenksorthese getauscht oder bei Beschwerdefreiheit die Hand bereits frei gegeben. Je nach Stabilität der Versorgung, Schwellung und Schmerzhaftigkeit kann zeitnah, im Idealfall unmittelbar nach der Operation, mit der handtherapeutischen Mobilisation begonnen werden. Das Handchirurgie-Zentrum Wien arbeitet hierfür mit den Spezialistinnen und Spezialisten der Österreichischen Gesellschaft für Handtherapie zusammen.